RÜCKERT ARCHITEKTEN

Eine Hochzeits-Suite im Wasserturm


08.04.2010 -
Rheinische Post
Um den alten Wasserturm auf dem Bahngelände Opladen ist ein regelrechter Bieterwettstreit entstanden. Es gibt zwei harte Konkurrenten: Die Karnevalsgesellschaft Altstadtfunken und der Getränkehändler Jochen Obst wollen das Denkmal kaufen.

Für die Stadt ist klar: Der 1903 gebaute Wasserturm nahe der Quettinger Torstraße soll als "herausragendes Beispiel" der Baukunst der Industriearchitektur erhalten bleiben. Erwartet wird ein symbolischer Kaufpreis (1 Euro), dafür muss der Turmkäufer ein feines Nutzungskonzept vorlegen. Die Altstadtfunken wollen ein Vereinshaus mit Ausstellungsaktivitäten, Privatinvestor Obst plant Gastronomie, Ausstellungen und eine Hochzeits-Suite im Obergeschoss.

"Seitdem ich von dem Objekt weiß, wusste ich: Das will ich haben", erzählt der 68-Jährige im RP-Telefonat, während er durch die Gourmetabteilung des Berliner "Kaufhaus des Westens" (KaDeWe) schlendert. Ja, so gibt Obst zu, er betrachte die Turm-Idee als (ernsthaftes) Hobby, "denn von der Miete kann man das nicht finanzieren", sagt Obst. Seine Familie betrachte seine Pläne zart ungläubig: "Wie alt willst Du denn werden", stand als Frage schnell im Raum. Obst ficht das nicht an. Er kennt sich mit besonderen Bauten aus: Die Wacht am Rhein auf dem Gelände der Landesgartenschau Wiesdorf hat Jochen Obst ebenfalls gestemmt.Der umtriebige Geschäftsmann stellt sich in dem Turm und in einem Anbau ein Restaurant vor. Ca. 300 Quadratmeter Nutzfläche ließen sich verwirklichen. In den oberen Etagen des 25 Meter hohen Turmes ließen sich Ausstellungen platzieren und vielleicht auch eine Etage für schöne Anlässe: etwa der Einbau einer Hochzeits-Suite.

Er hat den Turm, der unter Denkmalschutz steht, schon inspiziert. Außen müsste noch eine Treppe oder ein Aufzug dran, so überlegt er. Aber alles stehe noch auf Anfang, die Details müssten mit Stadt und Denkmalamt geklärt werden. Und die Kosten? Obst zögert ein wenig mit der Antwort, sagt dann aber klar: "Unter einer Million Euro kriegste das nicht hin!"

Das sieht Norbert Roß, Senatspräsident der Altstadtfunken, anders. Wenn seine Gesellschaft das Projekt anpacke, liege der Kostenblock für den ersten Baubaschnitt bei rund 350 000 Euro, ist sich der Geschäftsführer der Wiesdorfer Elektrofirma Rösgen sicher.

Die Karnevalisten signalisierten als erste öffentlich Interesse an dem Turm, legten ein ausgearbeitetes Nutzungskonzept vor. Beratender Architekt ist Ex-Prinz und Architekt Ulof Rückert aus Witzhelden. Intern können die Altstädter auf den fachmännischen Rat von Mitglied Günter Funke bauen, der als Archiktekt bei der Stadt Leverkusen gearbeitet hat. Zudem zählen einige Handwerker zur Karnevalsgesellschaft. Schon deshalb könnten die Altstädter vieles in Eigenregie erledigen.

Roß und seine Freunde streben eine "behutsame Komplettsanierung" an. Der Industriecharakter und die sichtbare Technik des 107 Jahre alten Turmes (die KG ist nur ein Jahr älter) sollen erhalten bleiben. Trotzdem soll der Wasserturm nach der Rekonstruktion dem Standard eines Niederigenergiehauses nahe kommen. Strom und warmes Wasser könnten mit Dachkolektoren erzeugt werden.

Nötig wird der vom Denkmalamt zugelassene, zweigeschossige Anbau, der parallel zum Kesselhaus stehen würde. Im Erdgeschoss stünden dann 75 Quadratmeter Nutzfläche, im Anbau-Erdgeschoss wären es weitere 130 Quadratmeter für Festivitäten, Kleinkunstabend, für private Feiern oder Firmenveranstaltungen. Die oberen Turmgeschosse sollen Ausstellungen beherbergen, die Kleiderkammer der KG und das Altstadtfunkenarchiv mit viel Material aus Opladen (Brauchtums-Museum). Viele ehemalige Mitarbeiter des Bahnausbesserungswerkes haben laut Roß ihre Mitarbeit zugesagt. Und machen Stadt und Standesamt mit, könnten im Denkmal-Turm Paare den Bund fürs Leben schließen.

In späteren Schritten wollen die Funken den Wasserkessel und seine Technik für Besichtigungen zugänglich machen. Es wäre doch schön, wenn Besucher aus 22 Meter Höhe eine perfekte Rundumsicht auf das alte Bahngelände und die künftige "Bahnstadt Opladen" hätten, schwärmt Vorstand Roß.

Der Wettstreit der Bieter, zu denen auch ein reicher "Bauer" zählen soll, läuft also. Entscheidend für den Verkauf des Turmes ist weitgehend das vorgelegte Nutzungskonzept, weniger der Kaufpreis. Der Finanzausschuss des Stadtrates soll im Mai eine Vorauswahl treffen. Gewinne streben die Altstadtfunken nicht an. Und auch Obst räumt ein: "Von der Miete und Pacht kannste die Investition nicht finanzieren." (Ulrich Schütz)

08.04.2010 - Rheinische Post